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Einstein (Oper)
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Einstein ist eine Oper in drei Akten, Prolog, zwei Intermezzi und Epilog von Paul Dessau (Musik) mit einem Libretto von Karl Mickel. Sie entstand in den Jahren 1955 und 1971â1973 und wurde am 16. Februar 1974 in der Deutschen Staatsoper in Ost-Berlin uraufgefĂŒhrt.
Contents
âą Handlung
âą Prolog
âą Erster Akt
âą Zweiter Akt
âą Dritter Akt
âą Gestaltung
âą Instrumentation
âą Musik
âą Libretto
âą Werkgeschichte
âą Aufnahmen
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Handlung
Die Oper handelt von der Entwicklung der Atombombe wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs. Sie wird mit UnterstĂŒtzung Albert Einsteins in Amerika fertiggestellt. Obwohl er sie nur zur Abschreckung vorgesehen hatte, wird sie in Hiroshima und Nagasaki eingesetzt. Das System, mit dessen Hilfe Einstein den Faschismus bekĂ€mpft, stellt sich somit selbst als barbarisch heraus. Er fĂŒhlt sich verraten und vernichtet eine weitere seiner Arbeiten, um weiteren Missbrauch zu verhindern. Einstein zur Seite gestellt sind zwei weitere Physiker: ein alter Opportunist, der sich jederzeit vom aktuell herrschenden System vereinnahmen lĂ€sst, und ein junger Idealist, der sich am Ende fĂŒr den Sozialismus entscheidet. In den Zwischenspielen trifft mit der Figur des Hans Wurst ein ReprĂ€sentant des Volks auf die allegorische Gestalt eines Krokodils, das nacheinander die Systeme des Faschismus und des amerikanischen Imperialismus verkörpert. Im Epilog tanzt Hans Wurst buchstĂ€blich auf Messers Schneide zwischen den Systemen.
Prolog
Mit den Worten âEs ist was Entsetzliches passiertâ fĂŒhrt Hans Wurst als ReprĂ€sentant des Volkscite-ref-harenberg-1-0[1] in die Oper ein: Erst wurden BĂŒcher verbrannt, dann brach der Krieg aus. Einstein floh ins Exil und geriet dort an die âfalschen Freundeâ (âDer Menschenfreund im Bund mit aller Menschheit Feindeâ). Er bemerkte seinen Irrtum zu spĂ€t.
Erster Akt
Szene 1. Vor einer Menschenmenge verbrennen Uniformierte BĂŒcher auf dem Platz vor dem Opernhaus (âHoâhaho tĂ€schaâbo NubaâwumdĂ€ hohĂ€âwamâ). Eine dĂŒnne Frau klagt einer dicken, dass ihr Mann seit drei Wochen von der SA im Keller festgehalten wird. Ein Mann wurde zum Panzerbau abkommandiert. Als zwei Physiker beobachten, wie eine Einstein-Puppe ins Feuer geworfen wird, beschlieĂen sie, ihn zu warnen.
Szene 2. Der fĂŒnfzigjĂ€hrige Einstein sitzt in seinem Arbeitszimmer am Tisch. Die beiden Physiker warnen ihn vor der drohenden Gefahr durch die Nazis. Die beiden springen angsterfĂŒllt aus dem Fenster. Einstein sucht Rat in seinen BĂŒchern: Galileo Galilei (âein AnhĂ€nger der Einzelhaftâ), Giordano Bruno (âder Verbrannteâ) und Leonardo da Vinci (âer wurde hundert Jahre altâ). Er steckt Leonardos Buch ein und geht.
Szene 3. Drei SA-MĂ€nner verwĂŒsten das Zimmer.
Szene 4. Nacht, freies Feld. Einstein befindet sich auf der Flucht nach Amerika. Die beiden Physiker erscheinen. Obwohl sie bereits ĂŒbel zugerichtet sind, wollen sie im Land bleiben: âEs ist alles nicht so schlimmâ.
Szene 5. Soldaten exerzieren am frĂŒhen Morgen auf dem Platz und singen frivole Lieder. Der alte Physiker meint, der Krieg werde auch die Canaille austilgen. Er will sich solange in sein Haus verkriechen. Der junge Physiker hofft, durch eine Krankheit oder Verletzung dem Wehrdienst zu entgehen. Eine nasenlose Nutte verspricht, ihn mit ihrer Seuche anzustecken. Sie liefert ihn stattdessen an die Gestapo aus.
Szene 6. Im GefĂ€ngnis wurde der junge Physiker von der SA brutal verhört. Man beschuldigt ihn der Wehrkraftzersetzung. Ein Adjutant holt ihn ab, um ihn dem FĂŒhrorr vorzufĂŒhren.
Szene 7. Im Hauptquartier des FĂŒhrorrs meldet ein Bote, dass âdie Stadt der Rotenâ nach hohen Verlusten endlich erobert wurde. Der FĂŒhrorr ordnet eine Siegesfeier an. Als unmittelbar darauf ein zweiter Bote berichtet, dass der Feind die Stadt mit noch viel höheren Verlusten zurĂŒckerobert habe, lĂ€sst der FĂŒhrorr die achtjĂ€hrigen Kinder zur Front einziehen. Die beiden Physiker treten ein. Der FĂŒhrorr verkĂŒndet den totalen Krieg und befiehlt ihnen, âdie Erdteile, welche sich mir widersetzenâ zu vernichten. WĂ€hrend drauĂen das Volk jubelt, bleibt den Physikern nichts anderes ĂŒbrig, als einzuwilligen, die geforderte Waffe zu entwickeln. Allein der junge Physiker zeigt Skrupel.
Intermezzo I: Hans Wursts Hinrichtung 1
Anmutige Landschaft, inmitten ein stiller Weiher. Links die Autobahn, rechts eine sogenannte Felsenkanzel.
Das Krokodil E. Treu stellt sich dem Publikum vor. Es klagt ĂŒber seinen âewigen Kreislaufâ: Wenn es jemanden frisst, muss es weinen â wenn es weint, muss es fressen. Der BĂŒttel bringt den gefesselten Hans Wurst auf die Felsenkanzel. Er wurde wegen nicht genau genannter âwiderwĂ€rtigsterâ Verbrechen zum Tode verurteilt. Sein letzter Wunsch ist es, den BĂŒttel âDu Armleuchter!â zu nennen. Doch mit der wortgenauen AusfĂŒhrung hapert es dann. Nachdem es ihm endlich gelingt, notiert der BĂŒttel den Vollzug, wirft ihn in den Weiher und fĂ€hrt davon. Das noch gar nicht hungrige Krokodil bittet Hans Wurst um eine todtraurige Geschichte. Hans Wurst erzĂ€hlt stattdessen den âbesten Idiotenwitz des Tagesâ. Als sich das Krokodil vor Lachen den Bauch hĂ€lt, kann Hans Wurst fliehen. Das Krokodil beiĂt sich in den Schwanz und verschlingt sich schlieĂlich selbst.
Zweiter Akt
Szene 1. An der PazifikkĂŒste vermeint Einstein das Kriegsgetöse von der anderen Seite der Welt zu hören.
Szene 2. In Einsteins Arbeitszimmer meldet seine schwarze HaushĂ€lterin den Besuch eines Herrn aus Deutschland. Es ist der junge Physiker, der nun ebenfalls ins Exil gegangen ist. Er berichtet, dass der alte Physiker in Deutschland mit Hilfe von Einsteins Schriften die Atombombe zu entwickeln versucht. Einstein wĂŒrde seine Arbeiten am liebsten zurĂŒckziehen. Zwei Senatoren verbieten ihm jede politische TĂ€tigkeit. Erneut sucht Einstein Rat bei Galilei, Giordano Bruno und Leonardo da Vinci, die ihm aber nicht helfen können. Galilei: âIch kroch zu Kreuze. Mein Leben war die Hölleâ â Bruno: âIch widerstand. Die Hölle war mein Tod.â â Leonardo: âDa siehe du zu!â (nach dem MatthĂ€us-Evangelium 27,3â5: Judas bereut seinen Verrat und erhĂ€lt diese Antwort, als er die Silberlinge zurĂŒckgeben will).
Szene 3. (a) Einstein und der junge Physiker bemĂŒhen sich um eine Audienz beim amerikanischen PrĂ€sidenten, mĂŒssen aber in den Vorzimmern an mehreren Bullen vorbei. Schon der erste Bulle verweigert ihnen den Zutritt. Einstein gibt ihm ein Dokument, das der Bulle liest und dann in die Rohrpost legt. (b) In der TĂŒr stehend lenkt der junge Physiker den Bullen ab. (c) Die beiden gelangen in das nĂ€chste, gröĂere Vorzimmer, wo ihnen der zweite, gröĂere Bulle entgegentritt. Einstein legt zwei Papiere auf den Tisch, die der Bulle ignoriert. Als Einstein seinen Namen nennt, lacht der Bulle darĂŒber â sie lassen nur Felsen vor, keine Steine. (d) In der TĂŒr zum nĂ€chsten Zimmer. (e) In diesem noch gröĂeren Vorzimmer treffen sie auf den fĂŒnften Bullen. Einstein hat keine Papiere mehr, doch der Bulle erkennt ihn und bittet um Autogramme fĂŒr seine Kinder. AnschlieĂend drĂŒckt er auf einen Knopf, worauf sich zwei TapetentĂŒren im Hintergrund öffnen. Eine groĂe Stimme befiehlt, dass die berĂŒhmten GĂ€ste âwie berĂŒhmte GĂ€steâ behandelt werden sollen. Zwei winzige Diener servieren Kaffee und Cognac, doch Einstein und der junge Physiker werden schon hereingebeten.
Szene 4. Der PrĂ€sident verspricht Einstein Geld, eine WĂŒste und Mitarbeiter fĂŒr seine Arbeit an der Atombombe.
Szene 5. Am frĂŒhen Morgen erkennt Einstein im Gleichgewicht des Schreckens einen theoretischen Weg, die Welt zu retten.
Szene 6. Felsenschlucht, oben eine Barockkirche mit Orgel. In Deutschland ist die Lage aussichtslos. Drei Techniker des unterirdischen Atomlabors planen die Flucht. Tiefflieger greifen an. Der alte Physiker drĂ€ngt die Techniker dazu, weiterzuarbeiten, und geht an die Orgel, um zu spielen. Alle ziehen sich in Felsenlöcher zurĂŒck. Der junge Physiker kommt in amerikanischer Uniform mit zwei weiĂen und drei schwarzen GIs. Sie schieĂen mit Kanonen in die Felsenlöcher, bis der alte Physiker herauskommt, den sie als Atomspezialist benötigen. Die GIs nehmen ihn fest und betrinken sich anschlieĂend. Die drei Techniker kommen schwer verletzt aus den Löchern und suchen das Weite.
Szene 7. In einem transatlantischen Atomwerk vernageln Arbeiterinnen Kisten, die mit Totenköpfen bezeichnet sind. Einstein verkĂŒndet den bevorstehenden Frieden und schickt sie nach Hause. Die Arbeiterinnen weigern sich â nachdem sie im Krieg bereits ihre MĂ€nner und Söhne verloren haben, fĂŒrchten sie die Arbeitslosigkeit. Der junge und der alte Physiker kommen herein. Sie wollen die Atombombe fertigstellen, âehe der Krieg verreckt istâ.
Szene 8. Betonbunker, LĂ€ngsfront parallel zur Rampe. Grelle Sonne. Im Beisein der Physiker wird die Atombombe getestet. Die Sonne wird schwarz. Finsternis.
Szene 9. Finsternis. Zwei Chöre klagen âmit allen möglichen Betonungen und Betonungskombinationenâ ĂŒber Hiroshima und Nagasaki.
Szene 10. Leere BĂŒhne, grelles Licht. Der nun hundert Jahre alte Einstein kommt von hinten langsam an die Rampe. In englischer und deutscher Sprache beklagt er das Unheil, das er durch seine Entwicklung verursacht hat: âIch warâs! Ich binâs! Ich bin der Tod, der alles raubt.â Er hatte nicht sehen wollen, wie seine Arbeit missbraucht wurde.
Intermezzo II: Hans Wursts Hinrichtung 2
Wie im ersten Intermezzo wird der gefesselte Hans Wurst vom BĂŒttel auf die Felsenkanzel gebracht. Sein letzter Wunsch ist gestrichen, der BĂŒttel wirft ihn ins Wasser und fĂ€hrt davon. Das Krokodil hat zwar immer noch keinen Hunger, aber auch keine Lust auf eine Geschichte. Obwohl Hans Wurst âden besten Horrorwitz des Tagesâ erzĂ€hlt und das Krokodil TrĂ€nen lacht, frisst es Hans Wurst.
Dritter Akt
Szene 1. Auf einem freien Platz fordert eine Menschenmenge ein Ende der Kriege: âMake love not war.â Man wendet sich Ausschweifungen zu. Casanova versucht, Jungfrauen zu verfĂŒhren. Nach einem ersten Fehlschlag ĂŒberzeugt er die Frauen mit den Worten: âEhe die Liebe sie ĂŒberkommt, könnte die Bombe ĂŒber sie kommen.â Jede erhĂ€lt eine Visitenkarte. Die beiden Physiker kommentieren das Geschehen.
Szene 2. In einer Baracke halten drei Bullen Gericht ĂŒber die Physiker, die einen Aufruf zur Ăchtung der Atombombe unterzeichnet haben. WĂ€hrend der alte und der junge Physiker nachgeben und ihre Aussagen widerrufen, bleibt Einstein standhaft. Er wird zu ewigem Ruhm fĂŒr die von ihm entwickelten Waffen verurteilt.
Szene 3. Die Unsterblichkeit. Beim Bier erwarten Galilei, Giordano und Leonardo die Ankunft Einsteins. Giordano stellt ihm das Bier kalt.
Szene 4. Im Arbeitszimmer Einsteins klagt der junge Physiker darĂŒber, gegen seinen Willen weiterhin Waffen entwickeln zu mĂŒssen. Die Schwarze singt ein Wiegenlied und verweist auf den Naturgott Khavum.
Szene 4a. FĂŒr den jungen Physiker ist das keine Lösung. Er beschlieĂt, in die DDR auszuwandern, und singt einen Vers aus der Internationalen, die er bereits im NS-GefĂ€ngnis kennengelernt hatte. Da seine erste Formel zum Weltenbrand gefĂŒhrt hat, verbrennt Einstein eine zweite Formel, an der er zwanzig Jahre lang gearbeitet hat â er möchte einen weiteren Missbrauch verhindern. Die Schwarze fĂŒhrt einen siebenjĂ€hrigen Jungen zu ihm, der von Einstein unterrichtet werden will. Einstein antwortet: âDas WeltrĂ€tsel ist ein Wortâ. Er ist befriedigt, dass der Junge ihn nicht versteht.
Epilog: Hans Wursts Auferstehung
In der Landschaft der beiden Intermezzi reitet der BĂŒttel auf dem Krokodil und tĂ€tschelt es. Der wiederauferstandene Hans Wurst verkĂŒndet von der Felsenkanzel seine Lehren: âNie tote BĂŒttel anschreienâ, âWitze muss man machen, aber [âŠ] nach MaĂâ und âEin Spaziergang auf dem Rasiermesser macht auch SpaĂ.â Ein riesiges Rasiermesser klappt ĂŒber dem Teich auf, und Hans Wurst tanzt auf der Schneide. Er bekennt: âIch lebe gern.â
Gestaltung
Instrumentation
In der Haupthandlung verwendet Dessau ein reduziertes Orchester ohne Violinen, Oboen, Klarinetten, Fagotte und Hörner. Raue KlĂ€nge ohne viel Farbgebung sowie scharfe Kontraste dominieren. In den Intermezzi und im Epilog dagegen entspricht das Instrumentarium ungefĂ€hr demjenigen der Mozart-Zeit. Hier lĂ€sst Dessau auch âmalerischereâ Elemente zu.cite-ref-piper-2-0[2]cite-ref-neef-3-0[3]
Haupthandlung
âą zwei Klaviere (möglichst KonzertflĂŒgel)
âą Pauken
âą Gitarre
Intermezzi und Epilog
⹠BlechblÀser: zwei Hörner, drei Trompeten, zwei Posaunen
âą Martinshorn
âą Pauken
âą zwei Klaviere
⹠Streicher: zehn Violinen 1, acht Violinen 2, sechs Bratschen, drei Violoncelli, vier KontrabÀsse
Besetzung der Bandaufnahme
⹠HolzblÀser: zwei Flöten, Altflöte, Klarinette
⹠BlechblÀser: vier Trompeten, vier Posaunen
âą Schlagzeug (zwei Spieler)
âą zwei Klaviere
âą Orgel
âą Tenor (der FĂŒhrorr)
⹠zwei gemischte Chöre
âą drei Knabenstimmen
Musik
Insgesamt wurden vier verschiedene Fassungen des Finales veröffentlicht, die sich im vorgestellten Ausweg aus der verfahrenen Situation unterscheiden. Dessau selbst autorisierte diejenigen des Klavierauszugs von 1973 und der Studioaufnahme von 1978. Die beiden anderen Fassungen publizierte Karl Mickel (Volks Entscheid. 7 StĂŒcke, Leipzig 1987). Mickels erste Fassung von 1965 endet mit der Utopie der beiden Physiker, die Welt zu vernichten, sich selbst aber auf einen anderen Stern zurĂŒckzuziehen. In der Fassung von 1970 propagiert der junge Physiker dagegen eine Erneuerung der Kommunistischen Internationalen. Im Klavierauszug von 1973 endet die Oper mit einer Arie Einsteins auf Brechts Gedicht Und ich werde nicht mehr sehen das Land (Nr. 6 aus An die deutschen Soldaten im Osten) â Der Humanismus ist verloren. In der letzten Fassung setzt Einsteins schwarze HaushĂ€lterin dieser Resignation ihre Hoffnung auf einen Naturgott entgegen. Das Ende bleibt offen.cite-ref-4[3.1]
Dessaus Oper enthĂ€lt eine Vielzahl von musikalischen Zitaten. Neben Mozart und Vivaldi ist besonders hĂ€ufig Musik Johann Sebastian Bachs zu hören,cite-ref-piper-2-1[2] dessen Musik fĂŒr den Humanismus steht.cite-ref-harenberg-1-1[1] Wenn die SA-MĂ€nner in Einsteins Zimmer eindringen (erster Akt, Szene 3), erklingt Bachs Dorische Toccata fĂŒr Orgel, die wĂ€hrend der VerwĂŒstung des Zimmers mit dem stark verfremdeten Orgelchoral Vom Himmel hoch, da kommâ ich her ĂŒberlagert wird. Hier symbolisiert die Musik den âVernichtungswahn der SA-Horden gegen alles Humanistischeâ.cite-ref-czerny-5-0[4]
Das âB-A-C-Hâ-Motiv wird fast leitmotivisch genutzt.cite-ref-7[5.1] Die Musik- und Theaterwissenschaftlerin Sigrid Neef beschrieb dessen EinfĂŒhrung im Prolog und weitere Entwicklung zwischen den Intermezzi folgendermaĂen:
âBei den Worten âEinstein, unser Held, entflohâ endet die letzte Silbe auf dem Ton H. Die Posaune fahrt in extremem Registerwechsel mit den Tönen B-A-C fort, der KontrabaĂ bestĂ€tigt im nachfolgenden Takt das B-A-C. Die beiden Hans-Wurst-Intermezzi enden mit der Tonformel B-H; Das H wird von der Pauke geschlagen bzw. vom vollen Orchester gebracht, und im Hans-Wurst-Epilog wird dann das fehlende C tutti und mit Pauke nachgereicht.â
â
Deutsche Oper im 20. Jahrhundert â DDR 1949â1989
Das Motiv âB-H-Câ erklingt zudem als Einleitung des ersten und einzigen vollstĂ€ndigen Vorkommens der Zwölftonreihe der Oper sowie instrumental vor Einsteins Antwort auf den Einsatz der Atombombe. Am deutlichsten ist das komplette Motiv in der Altflöte am Schluss der Oper zu vernehmen, als Einstein zu dem siebenjĂ€hrigen Jungen spricht.cite-ref-9[3.3]
AnklĂ€nge an Straussâ Ariadne auf Naxos dienen der âIronisierung der kulinarischen Oper und spĂ€tbĂŒrgerlichen GefĂŒhlsâ. Den Arbeiterinnen der Atomfabrik ist melodischere volkstĂŒmliche Musik zugewiesen.cite-ref-harenberg-1-2[1] Auf der anderen Seite sind die jeweiligen Machthaber und deren ReprĂ€sentanten durch aggressive KlĂ€nge charakterisiert. Die Musik der Titelfigur Einstein ist sanglich gestaltet.cite-ref-piper-2-2[2]
Libretto
Auch Mickels Libretto enthĂ€lt viele Zitate. So verwendet er einige Stellen aus dem MatthĂ€us- und Johannes-Evangelium, die auch in den entsprechenden Passionsmusiken Bachs vorkommen.cite-ref-10[3.4] Mickel zitierte des Weiteren aus Werken der deutschen Klassik wie Friedrich Maximilian Klingers Roman Fausts Leben, Thaten und Höllenfahrt (erster Akt, Szene 2: âEine herrliche Nacht, die empörte Einbildungskraft zu verwildern.â) oder auch aus Goethes Faust (die Szenenbeschreibung âNacht, freies Feldâ im ersten Akt, Szene 4). Das Soldatenlied âAmor, erheb dich, edler Heldâ (erster Akt, Szene 5) stammt aus Des Knaben Wunderhorn. Selbst ein originales Hitler-Zitat gibt es in der Szene, in der der FĂŒhrorr den Physikern den Bau der Waffe befiehlt (erster Akt, Szene 7). Einsteins zunĂ€chst englische Reaktion auf den Atombombenabwurf (zweiter Akt, Szene 10) stammt aus Lord Byrons Gedicht Darkness.cite-ref-11[3.5]
Werkgeschichte
1955 las der Komponist Paul Dessau einen Nachruf auf Albert Einstein, der ihn zu einem eigenen Libretto ĂŒber dieses Thema anregte. Er unternahm dazu mehrere AnlĂ€ufe. ZunĂ€chst schrieb er einen Entwurf mit dem Titel Alle Menschen werden BrĂŒder mit Bezug zu Beethovens 9. Sinfonie und der Französischen Revolution. AnschlieĂend schrieb er einen vollstĂ€ndigen Text, Das gelobte Land, womit nicht nur PalĂ€stina, sondern auch Amerika gemeint war. Diesen Text ĂŒbergab er Bertolt Brecht, der sich damals selbst Gedanken ĂŒber diesen Stoff machte. Brecht kommentierte Dessaus Text in einem Brief.cite-ref-12[3.6]
Dessau beauftragte den Schriftsteller Karl Mickel 1965 mit dem Libretto zur Oper Einstein. Mit Unterbrechungen dauerte die Arbeit daran bis 1973.cite-ref-12-1[3.6] Mickel ĂŒbernahm einige der Anregungen Brechts, schrieb den Text jedoch neu und ergĂ€nzte die Intermezzi ĂŒber die Volksfigur Hans Wurst, mit denen er die parabelhaften Elemente der Oper hervorhob.cite-ref-piper-2-3[2]
Die Komposition erstellte Dessau zwischen 1971 und 1973 als Auftrag der Deutschen Staatsoper Berlin.cite-ref-piper-2-4[2] Er widmete die Oper seiner Frau Ruth Berghaus, die auch die Regie der UrauffĂŒhrung am 16. Februar 1974 ĂŒbernahm. Die musikalische Leitung hatte Otmar Suitner. BĂŒhnenbild und KostĂŒme stammten von Andreas Reinhardt. Sigrid Neef beschrieb sie als âso lapidar wie kunstvoll, von zeichenhafter Strenge und fast organischer Empfindsamkeitâ. Die insgesamt 62 Rollen waren erstklassig besetzt, darunter waren Theo Adam (Einstein), Peter Schreier (junger Physiker), Reiner SĂŒĂ (alter Physiker), Eberhard BĂŒchner (Casanova), Annelies Burmeister (Krokodil und Schwarze) und Horst Hiestermann (Hans Wurst). In dieser Produktion wurde Einstein zu einer der erfolgreichsten Opern der Zeit. Es gab Gastspiele beim Maggio Musicale Fiorentino (1976), Stockholm (1977), in Hamburg, Wiesbaden und Lausanne (1978) und bei den Dresdner Musikfestspielen (1979). 1978 erschien eine Studioaufnahme der Oper auf Schallplatte.cite-ref-13[3.7]
In Westdeutschland wurde die Oper erstmals am 15. Juni 1980 bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen aufgefĂŒhrt. Es handelte sich um ein Gastspiel des Gelsenkirchener Musiktheaters im Revier. Die musikalische Leitung hatte Uwe Mund, die Regie Jaroslav Chundela, und den Einstein sang Joshua Hecht.cite-ref-piper-2-5[2] Weitere AuffĂŒhrungen gab es in Meiningen (1980), Schwerin (1981) und Weimar (1989).cite-ref-neef-3-1[3] 1995 wurde Einstein im Theater Vorpommern in Greifswald/Stralsund in der Regie von Michael Sturm gegeben.cite-ref-harenberg-1-3[1]cite-ref-14[6] 2006 gab es eine Neuproduktion der Dortmunder Oper in einer Inszenierung von Gregor Horres und BĂŒhne und KostĂŒmen von Kirsten Dephoff. Die Dortmunder Philharmoniker und der Chor des Theater Dortmund wurden von Dirk Kaftan geleitet. In den Hauptrollen sangen Oskar Hillebrandt (Einstein), Jeff Martin (junger Physiker) und Vidar Gunnarsson (alter Physiker).cite-ref-15[7]
Aufnahmen
âą 30. Mai 1976 (live aus Florenz): Otmar Suitner (Dirigent), Orchester des Maggio Musicale Fiorentino. Reiner SĂŒĂ (alter Physiker), Theo Adam (Einstein), Henno Garduhn (Hans Wurst), Eberhard BĂŒchner (junger Physiker). Opera dâOro OPD 1371 (2 CD).cite-ref-17[8.1]
âą 1978 (Studio-Aufnahme): Otmar Suitner (Dirigent), Staatskapelle Berlin, Chor der Deutschen Staatsoper Berlin. Horst Moye (Adjutant), Reiner SĂŒĂ (alter Physiker), Renate Hoff (Arbeiterin und Jungfrau), Hannerose Katterfeld (Arbeiterin), Edda Schaller (Arbeiterin und nasenlose Nutte), Ingeborg Springer (Arbeiterin und junge Frau), Ernst Gruber (Bulle, SA-Mann, Techniker), Horst Lunow (Bulle, Techniker), Erich Siebenschuh (Bulle, SA-Mann), Peter Olesch (BĂŒttel), GĂŒnter Kurth (Casanova), Gertraud Prenzlow (dicke Frau), Peter Bindszus (schwarzer GI), Harald Neukirch (schwarzer GI und junger Mann), Jutta Vulpius (dĂŒnne Frau), Theo Adam (Einstein), Kurt Rehm (FĂŒhrorr), GĂŒnther Fröhlich (Galilei und SA-Mann), GĂŒnther Leib (Giordano Bruno und Techniker), Henno Garduhn (Hans Wurst und PrĂ€sident), Nils Lunow (Junge), Peter Schreier (Junger Physiker), Sieglinde Jahn (Jungfrau), Annelies Burmeister (Krokodil und Schwarze), Martin Ritzmann (Leonardo da Vinci), Heinz Reeh (SA-Mann), Joachim Arndt (Senator), Erich Witte (Senator). Berlin Classics CD: BC 9109-2.cite-ref-18[8.2]
Weblinks
Commons
: Einstein (Dessau)
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
âą Libretto als Volltext (PDF) bei Brilliant Classics
âą Heinz Josef Herbort: Spaziergang auf dem Rasiermesser. Rezension der UrauffĂŒhrung in der Zeit vom 22. Februar 1974
âą Max Nyffeler: Die Oper Einstein von Paul Dessau. Rezension der westdeutschen ErstauffĂŒhrung bei den Ruhrfestspielen 1980 in Recklinghausen im Kölner Stadt-Anzeiger vom 19. Juni 1980 auf beckmesser.de
âą Stefan Schmöe: Der Tod ist ein Hanswurst aus Deutschland. Rezension der Dortmunder AuffĂŒhrung von 2006 im Online Musik Magazin
Einzelnachweise
cite-note-harenberg-11. â Einstein. In: Harenberg OpernfĂŒhrer. 4. Auflage. Meyers Lexikonverlag, 2003, ISBN 3-411-76107-5, S. 187â188.
cite-note-piper-22. â Eberhard Schmidt: Einstein. In: Pipers EnzyklopĂ€die des Musiktheaters. Band 1: Werke. Abbatini â Donizetti. Piper, MĂŒnchen / ZĂŒrich 1986, ISBN 3-492-02411-4, S. 719â721.
cite-note-neef-33. â Sigrid Neef: Deutsche Oper im 20. Jahrhundert â DDR 1949â1989. Lang, Berlin 1992, ISBN 3-86032-011-4, S. 101â110.
cite-note-czerny-54. â Peter Czerny: Opernbuch. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1981, S. 429â431.
1. Ulrich Schreiber: OpernfĂŒhrer fĂŒr Fortgeschrittene. Das 20. Jahrhundert II. Deutsche und italienische Oper nach 1945, Frankreich, GroĂbritannien. BĂ€renreiter, Kassel 2005, ISBN 3-7618-1437-2.
cite-note-146. â Ekkehard Klemm: Lustvoll auf Messers Schneide. In: Musik in Dresden, 13. Februar 2013, abgerufen am 28. Oktober 2020.
cite-note-157. â Programmheft Einstein des Theater Dortmund, 2004.
2. Paul Dessau. In: Andreas Ommer: Verzeichnis aller Operngesamtaufnahmen. Zeno.org, Band 20.